Interview mit Mario Scheuermann
Mit Mario Scheuermann vom Planet Bordeaux habe ich ein Interview über die derzeitige Lage am Fine-Wine Markt, die Aussichten für die Zukunft und seine Einschätzung zur anstehenen Primeur- Kampagne geführt.
WEINVESTMENT: “Im Soge der weltweiten Wirtschaftskrise sind auch die Preise für hochwertigen Wein unter Druck geraten. Wie sehen Sie die mittel- bis langfristigen Perspektiven für den “Fine-Wine” Markt?”
Mario Scheuermann: “Ich schätze die mittel- und langfristige Perspektive für den „Fine Wine“ Markt durchaus optimistisch und positiv ein. Einerseits bin ich schon der Meinung, dass nicht alle Weine zu ihren früheren Höchstständen zurückkehren werden; denn vieles war da auch ungerechtfertigt und übertrieben. Aber bei den erstklassigen Gewächsen aus sehr guten Jahren mache ich mir keine grossen Gedanken. Die werden ihre Höchststände wieder erreichen und auch noch übertreffen. Dafür bedarf es aber eines gewissen Zeithorizonts von vielleicht fünf oder zehn Jahren. Wer heute Geld genug hat um sich z.B. mit 1982 Lafite oder 1961 Latour in Grossflaschen bzw. OHK eindecken zu können, was sollte der falsch machen? Solche Weine sind heute eine anerkannte eigene Asset-Klasse wie Alte Meister, Gold oder Fabergé-Eier. Zum Unterschied zu allen anderen Wertanlagen, kann man sie notfalls aber auch mit Genuss trinken. Für mich wäre dies das eigentliche Ziel. Es gibt eine alte Sammler-Regel: kaufe zwei OHKs. Wenn der Preis sich verdoppelt hat, verkaufe eine und trinke die andere mit der Zeit aus. Die ist dann nämlich for free.
”
WEINVESTMENT: Stichwort “Übertreibung”: diese war sicherlich auch beim hoch gelobten Jahrhundertjahrgang 2005 zu verzeichnen. Die Preiskorrektur für viele Weine dieses Jahrgangs fiel entsprechend deutlich aus, teilweise betrug diese 20- 30 Prozent von den Höchstständen. Wie schätzen sie das Potential auf dem aktuellen Level ein bzw. wie würden Sie das Chance/Risiko Verhältnis auf längere Sicht einordnen?”
Mario Scheuermann: “Das ist eine viel komplexere Sachlage als normalerweise dargestellt und hat eine Vorgeschichte, die in die 1990er Jahre zurückreicht. Damals kamen überseeische Icon-Weine z.B. aus Australien (Three Rivers) oder USA (Screaming Eagle, Maja u. a.) zu Releasepreisen auf den Markt, die höher lagen als die der Premier Crus in Bordeaux. Das konnten und wollten diese nach ihrem eigenen Selbstverständnis nicht akzeptieren also suchten sie eine Möglichkeit so schnell wie möglich wieder die höchsten Preise zu erzielen, Nach dem System Bordeaux ist nur der Premier, der die höchsten Preise
erzielt. Die erste Chance war der Jahrgang 2000. Allerdings funkte da der Millenium-Effekt dazwischen; denn dieser traf natürlich alle hochwertigen, lagerfähigen Weine egal woher sie kommen. 2005 war es dann soweit. Die Gleichung lautete: Jahrhundertjahrgang = Jahrhundertpreise. Und so kam es auch. Die höchsten Preise seit Napoleon III. Dass so viele andere versuchten nachzuziehen war eine Übertreibung, die nicht von Dauer sein konnte und auch nicht sein wird, wenn man von einigen Sonderfällen (Super Seconds, Garagenweine vom rechten Ufer etc.) absieht. Wenn  jetzt die Preise korrigieren, wird das nur für den Mittelbau  der Klassifikation von Dauer sein. Die Premiers werden den ersten grossen Jahrgang nutzen um wieder auf der Preisniveau von 2005 zu kommen. Was den Jahrgang 2005 betrifft, werden die Preise in dem für diese Weine üblichen Zeitraum spätestens ab 2013 – 2015 auf ein Niveau steigen das über dem von 2006/2007 liegt. Daran wird auch die derzeitige Wirtschaftskrise nichts ändern zumal sie bis dahin überwunden sein wird. Insofern bietet ein Investment in diesen Jahrgang ein überschaubares Risiko. Im Augenblick würde ich aber eher in erstklassige Jahrgänge wie 1982, 1961 und älter investieren.”
WEINVESTMENT: “Letztlich müssen für solche Preissteigerungen immer zwei Faktoren zusammen kommen: zum einen, die Anbieter, die diese Preise verlangen und zum anderen Kunden, die diese auch bezahlen. Auf der Kundenseite konnte man insbesondere in den letzten Jahren verstärkt Nachfrage aus Ländern wie Russland, Indien und dem gesamten asiatischen Raum verzeichnen. Sehen Sie auch für die Zukunft eine verstärkte Verlagerung der Nachfrage in diese Länder? Verliert Europa in diesem Bereich u.U. an Bedeutung?”
Mario Scheuermann: “Ich befürchte ja. Die europäischen Konsumenten werden zunehmend an Bedeutung und Einfluss verlieren. Das ist ein viele Branche durchdringender Mega-Trend Die drinking habits, die weltweiten Trends werden mehr und mehr von den neuen Milieus in den Megastädten der BRIC Staaten bestimmt so wie diese heute bereits stark die Mode, die Kunst oder das Kino (Bollywood) aber auch die Autoindustrie beeinflussen bzw. Märkte wie TV, Computer, Mobilephons, Kameras, Chips und Screens beherrschen. Europa läuft mit seiner starken politischen und wirtschaftlichen Fraktionierung Gefahr immer weiter kolonialisiert zu werden auch in seinem eigenen Geschmack (Coca Cola, McDonald, Starbucks etc.). Die nächsten Überflutungen werden aus China und Indien kommen. Es gibt wenig aus Europa, was da dagegenhält. Immerhin könnte es sein, dass ALDI, Lidl und Co. zum weltweiten Modell für die Nahversorger der Zukunft werden. Ich will damit sagen: wenn zig Millionen Chinesen, Inder, Russen, Brasilianer in Zukunft Weine aus Bordeaux schätzen, gehen die Preise weiter nach oben. Falls diese Konsumentenschichten sich etwas anderem zuwenden sollten, werden die Bordeauxpreise sinken und die Preise anderer präferierter Weine steigen. Europa könnte daran natürlich einiges ändern, aber ich sehe im Augenblick weder den politischen Willen, noch die Kraft und schon gar nicht den Mut in der politischen Klasse dies anzupacken. Es wäre auch gegen weite Teile der desinformierten Bürger gar nicht durchzusetzen. Dies Träumen doch lieber von einer Rückkehr ins angeblich idyllische 19. Jahrhundert allerdings ausgestattet mit den technischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts. Das geht aber nicht und wird Wunschtraum bleiben. Ich befürchte, dass Europa und damit auch Deutschland in Zukunft als Wirtschafts.- und Machtzentrum eine untergeordnete Rolle spielen wird. Für ausgesprochene Luxusgüter wie Spitzenweine heisst das: von einer kleinen Gruppe wirklich reicher Bürger abgesehen, wird sich dann niemand mehr diese Weine leisten können.”
WEINVESTMENT: “Sehen Sie diese Entwicklung auch im Bereich der hochwertigen Bordeaux-Weine? Dies würde letztendlich bedeuten, dass Namen wie “Lafite”, “Latour” oder “Mouton Rothschild” zumindest Gefahr laufen würden, in einigen Jahren den Status als Luxusgut zu verlieren.”
Mario Scheuermann: “Das glaube ich nun nicht. Bordeaux an sich ist nach wie vor eine der stärksten Mega-Marken der Welt wie Champagner, Havanna Zigarren oder Cognac. Produkte wie diese werden für die nächsten Jahre und Jahrzehnte für alle Aufsteiger der neuen Bourgeoisien in den EmergingMarkets prestigeträchtig sein. Und die Premiers heben sich nochmals als Ultra Marken und Icons ab. Ich glaube im Gegenteil daran, dass sich der Luxus Status der Premiers erst mal noch verstärken und vertiefen wird. Aber dies muss nicht auf alle Ewigkeiten zementiert sein. Künftige Generationen in Megapolen wie Shanghai, Beijing, Mumbai, Rio etc. werden eines Tages sicher eigene Vorlieben entwickeln. Aber da reden wir von der nächsten oder besser übernächsten Generation- also einen Zeitraum deutlich nach 2020. Mir ist aber bewusst, dass diese Welt (auch die Weinwelt) am Ende dieses Jahrhunderts anders aussehen wird als jetzt. Im 21. Jahrhunderts wird sich alles – eine friedliche Entwicklung vorausgesetzt – deutlich stärker und tiefgreifender verändern als dies im 20. Jahrhundert der Fall war. Das Jahr 2100 wird sich
vom Jahr 2000 so abheben wie das Jahr 2000 vom Jahr 1800.”
WEINVESTMENT: “In wenigen Wochen steht die Primeur-Kampagne in Bordeaux vor der Tür, von der Sie auch quasi “live” twittern (http://twitter.com/primeur08) werden. Diese beinhaltet dieses Jahr einiges an Spannungspotential. Der internationale Handel fordert Abschläge bis zu 50 Prozent auf das Preisniveau der letzten Jahre, um überhaupt eine Chance zu haben, die Weine an den Mann oder die Frau zu bringen. Wie schätzen Sie zum einen im Vorfeld die Qualität des Jahrgangs ein und werden die Châteaux ihrer Meinung nach die Erwartungen bezüglich der Preispolitik erfüllen?”
Mario Scheuermann: “Es sind natürlich vor allem die Londoner Händler die derart hohe Preisabschläge fordern; denn denen ist ihre einstmals starke Währung abhanden gekommen. Das ist ein völlig neues Gefühl für die, dass sie mit ihrem kranken Pfund nicht mehr tonangebend oder gar marktbeherrschend sind. Die sitzen in einer Riesenfalle: sie brauchen tatsächlich 30 Prozent Abschlag um das Währungsgefälle zum Euro auszugleichen und dann noch mal 20 Prozent wg. der möglicherweise mangelnden Qualität des Jahrgangs. Sollten die Bordelaiser ihnen diesen Gefallen tun, würden sich die Händler auf dem Kontinent die Hände reiben. Diese könnten dann konkurrenzlos preiswert einkaufen. Für sie würde Bordeaux plötzlich wieder zum Geschäft. Ich sehe diesen ganz krassen Preisabschlag noch nicht. Er wird sich eher zwischen 20 und 40 Prozent bewegen.
Was die Qualität betrifft traue ich mir derzeit keine detaillierten Prognosen zu. Fakt ist: 2008 war und wird kein grosser Jahrgang werden. Aber erstens ist die Menge sehr klein und zweitens liegen zwischen den Ernteterminen einzelner Regionen und Châteaux bis zu 4 Wochen und mehr. Was das für die individuelle Qualität der Weine bedeutet kann man ohne Verkostung nicht sagen. Deshalb wird diese Kampagne sehr spannend werden.”
WEINVESTMENT: “Könnten Sie sich vorstellen, dass das derzeit herrschende Konzept des Primeur-Verkaufs sich in absehbarer Zeit ändern wird? Kritik daran wird schon seit längerer Zeit geübt. Werden diese Forderungen die gewachsenen Strukturen auflockern oder gar brechen können?”
Also über die derzeitige Konzeption der Primeur-Kampagne wird in Bordeaux aus unterschiedlichen Gründen schon seit Jahren diskutiert. Ohne Ergebnis. Insofern glaube ich nicht, dass sich daran viel ändern wird. Andererseits gibt es diese Form der Organisation der Kampagne erst seit ca. 30 Jahren. Davor war es viel chaotischer und individueller. Erst mit der Gründung der Union des Grands Crus 1973 kam da Ordnung rein. Bisher ist man damit gut gefahren. Kritik kommt immer wieder von Erzeugerseite, dass man die Verkostungstermine ca. 3 Wochen später ansetzen sollte. Da spricht aus Sicht der Produzenten und Verkoster einiges dafür. Aber der Handel will das nicht. Die Preisfindung fände dann nicht im Mai/Juni statt sondern erst im Juni/ Juli und das ist Ferienzeit. Zum anderen könnte dann Robert Parker seine Bewertungen nicht mehr Ende April liefern sondern erst Ende Juni. Dies würde bedeuten, dass die Preisfindung erst im Juli/August stattfinden würde. Das geht gar nicht. So ist auch der Vorschlag von Monsieur Prats zu verstehen die Preisfindungsphase gleich auf September zu verschieben. Ob das aber mehrheitsfähig ist, weiss ich nicht zu beurteilen. Glaube aber eher nein. Andererseits hat der Erosionsprozess der gewachsenen Strukturen bereits begonnen. Immer häufiger nehmen Erzeuger einen oder mehrere Weine aus der Kampagnen-Struktur des Platzes Bordeaux heraus allen voran Bernard Magrez. Viele träumen davon, dass man zukünftig die Premiers unter Ausschaltung des Zwischenhandels über eigene Luxus-Portale oder Luxus-Shops verkaufen könnte. Das wäre freilich das Ende des Systems Bordeaux und eine existentielle Katastrophe für die Masse der Winzer an der Basis.
WEINVESTMENT: “Abschließende Frage: wenn man einmal einen Blick über den Tellerrand der klassischen Icon-Weine hinauswagt: Sehen Sie Weine, die das Potential und die Voraussetzung haben, die Reihe der bekannten Investmentweine in absehbarer Zukunftzu ergänzen?”
In vielen klassischen Regionen aber auch in neuen Weinbauländern streben Erzeuger danach mit Weinen diesen Status zu erreichen z.B. in Argentinien oder auch Südafrika, in Ungarn, Österreich oder Deutschland. Aber das ist nicht so einfach wie manche denken und schnell geht das auch nicht. Die Qualität muss nicht einmal sehr hoch sein sondern man muss auch über viele Jahre ein ähnlich hohes Niveau halten, es mit der Zeit sogar steigern. Man braucht regelmässig Noten weit jenseits der 90 Punkte von den führenden Kritikern der Welt, einen Release-Preis jenseits von 50 Euro als Ausgangspunkt und einen sekundären Markt mit permanenter Nachfrage und dadurch dauerhaft steigenden Preisen. In Australien haben das z.B. Grange und Hill of Grace geschafft, in den USA Opus One und Dominus, in Spanien Vega Sicilia. Pingus ist auf dem Weg dorthin. Ich denke schon, dass wir uns da in den nächsten zehn, 15 Jahren noch einige andere neue Namen werden merken müssen. Wenn Sie mich nach Deutschland fragen, würde ich vielleicht das Kirchenstück von Dr. Bürklin-Wolf nennen, den Schlossberg Pinot noir von August Kesseler oder die Spätburgunder „Alte Reben“ von Stodden. Das sind Weine, die sich langsam diesem Profil nähern. Ob sie es letztendlich schaffen werden, wird man sehen. Die edelsüssen Goldkapsel-Weine von Weil aus dem Rheingau oder die Spitzen aus der Kollektion von Egon Müller an der Saar sind dort wohl schon angelangt.